Zehn Jahre Pisa-Schock: Kleine Erfolge in Hamburg – Noch vieles im Argen

Schwamm und Kreide für Schultafel in entsprechender Ablage

Vor zehn Jahren haben die Ergebnisse des Pisa-Tests die Republik aufgerüttelt. Mit voller Wucht entflammte die Debatte über das deutsche Schulsystem. Zugegeben: Zehn Jahre sind keine lange Zeit, um den Kurs des schwerfälligen Bildungstankers komplett zu ändern. Aber nach zehn Jahren kann man erwarten, dass der Tanker zumindest in die richtige Richtung steuert. Das ist aber leider nicht der Fall.

Rufen wir uns noch einmal in Erinnerung, was damals die deutsche – und natürlich auch die Hamburger – Bildungslandschaft in Aufruhr versetzte: Deutschland schnitt unterdurchschnittlich ab, es gab katastrophale Ergebnisse beim Leseverständnis, eine sehr starke Abhängigkeit zwischen Herkunft und Bildungserfolg. Hamburg fand sich innerhalb Deutschlands auf dem 15. Platz wieder.

Was hat sich seither in Hamburg geändert? Bei uns ist zumindest ein Kurs erkennbar: Wir haben ein zweigliedriges Schulsystem; wir haben kompetenzorientierte Lehrpläne; wir haben zaghafte Versuche, einen individualisierten Unterricht zu gestalten; wir haben eine Untersuchung von Viereinhalbjährigen und eine Sprachförderung; wir haben viele kleine Projekte, um Familien mit Migrationshintergrund zu unterstützen. Durch die Anstrengungen der letzten Jahre gibt es sogar erste Erfolge: Die Anzahl der Risikoschülerinnen und –schüler ist von einem Viertel auf ein Fünftel zurückgegangen; die Anzahl der Schülerinne und Schüler ohne Abschluss sank um ein Fünftel auf  etwa 8 Prozent (wenn man den Statistiken glauben darf).

Aber viele Dinge haben sich überhaupt nicht verändert – und das ist auch ein Ergebnis der sozialen Spaltung in unserer eigentlich wohlhabenden Stadt: Die Elite, die jede Volkswirtschaft braucht, ist durch das Versagen der Gymnasien gerade hier in Hamburg viel zu klein; nach wie vor bewegen sich Gymnasien im Hinblick auf die Neue Lernkultur und die Aufnahme von Kindern mit Behinderungen gar nicht bis kaum – sie mauern den Schutzwall um ihre Schulform einfach immer noch ein wenig höher. Es gibt außerdem kaum eine Antwort die Herausforderungen durch den hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund; die Ausbildung und Bezahlung von sozialpädagogischem Personal entspricht nach wie vor nicht den europäischen Standards; die Bezahlung der Grundschullehrkräfte ist deutlich schlechter als an weiterführenden Schulen; die soziale Spaltung ist nicht nur zwischen, sondern sogar innerhalb der Stadtteile zu spüren. Der Nachhilfeboom ist ungebremst; viele Eltern flüchten sich in die Privatschulen.

Und, ganz ehrlich: kann es sich eine Volkswirtschaft und Demokratie leisten, dass etwa 20 Prozent der Menschen kaum bis gar nicht lesen, schreiben und rechnen können, dass sie große Bildungslücken haben und schlecht Deutsch sprechen?

Nun tut die SPD mit ihrer Schulpolitik noch ein Übriges, die Errungenschaften der vergangenen Jahre wieder zu zerstören: Der Senator konterkariert die Kompetenzorientierung durch die stark fächerorientierten, einengenden Stundentafeln; durch ungenügende Ausstattung drohen die Stadtteilschulen unterzugehen; der Schutzwall um die Gymnasien wird respektiert; durch die Planungen im aktuellen Schulentwicklungsplan wird die soziale Spaltung vorangetrieben – wodurch Bildungserfolg und Herkunft noch enger verwoben bleiben. Wenn es so weitergeht, wird Hamburg weiterhin weit hinten landen. Das wäre nicht nur volkswirtschaftlich und gesellschaftlich mehr als misslich, sondern vor allem für die Kinder dieser Stadt eine Katastrophe.

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