Mit großen Schritten in die pädagogische Steinzeit

Nahaufnahme von gelbem Bleistift mit rotem Radiergummi am Stiftende

Es ist schon kurios: Hamburg dreht das Rad zurück. Zumindest als Pädagogin kann man sich des Eindrucks nicht erwehren. Denn wie der neue Bildungsplan „Deutsch“ für die Hamburger Grundschulen offenbart, greift der Senat beim Instrument der Leistungsüberprüfung auf ein ganz altes Rezept zurück: das Diktat.

Ausgerechnet, möchte man rufen, da doch gerade das Diktat als völlig unzuverlässig gilt. Zahllose Studien belegen das wieder und wieder. Erst 2009 konstatierte der Psychologe Peter Birkel in seiner Studie, dass ein und dasselbe Diktat von manchen Lehrkräften mit einer Eins, von anderen wieder mit einer Fünf bewertet wurde. Und als Gipfel des Beleges: Die angestrichenen Fehler waren nicht mal identisch!

Diktate waren noch nie – und sind es auch jetzt nicht – objektiv. Andere Studien streichen heraus, dass Diktate vor allem Stressresistenz und Hörfähigkeit messen, nicht aber die Rechtschreibfähigkeit. Zudem stellt sich die Frage, für was Diktate geübt werden müssen. Wer musste je nach der Schule ein Diktat schreiben? Warum in der Schule üben, was man außerhalb gar nicht braucht? Und das, obwohl gleichzeitig das Hohelied der Kompetenzorientierung gesungen wird, dass nämlich Fähigkeiten vermittelt werden sollen, die später im Alltag von Bedeutung sind.

Warum nur wird Diktaten von Eltern und – leider – auch Lehrkräften solch ein hohes Gewicht beigemessen? Nun, zum einen ist die Generation der heutigen Eltern selbst mit Diktaten in der Schule groß geworden. Auch ihnen wurde gelehrt: „Diktate sind objektiv, Fehler werden gemacht oder eben nicht. Man kann sie zählen."
Dieser Irrglaube sitzt tief. Den Lehrkräften geht es nicht anders: „Teachers teach as they were taught", lautet ein bekanntes Sprichwort in der Pädagogik. Und machen wir uns nichts vor: Ein Diktat ist auch viel schneller korrigiert als ein ganzer Aufsatz. Dass die Bewertung dabei subjektiv ist, obwohl sie im Glanze vermeintlicher Objektivität daher zu kommen pflegt, scheint viele Lehrkräfte nicht zu stören. Umso bedauerlicher ist es, wenn dieser pädagogische Unsinn nun auch noch von Schulsenator Rabe implementiert wird. Die Bildungspläne von 2011 fallen damit weit zurück – noch hinter die Bildungspläne von 2003. Das Motto scheint zu lauten: Auf und voran in die pädagogische Steinzeit!

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