EM 2012 – Rote Karte anstatt Fairplay
Die Fußball EM 2012 sollte für die Ukraine eine Chance sein. Das Land im Herzen von Europa sollte seinen Fortschritt, seine westliche Annährung, seinen Erfolg der demokratischen Bewegung und die Qualität des ukrainischen Fußballs präsentieren können. So die Gedanken 2007. Die orangene Revolution von damals ist in Vergessenheit geraten und die frühere Revolutionsführerin Julia Timoschenko ist inhaftiert und kämpft für eine angemessene medizinische Behandlung.
Die erhoffte Demokratisierung der Ukraine blieb aus. Der Präsident Viktor Janukowitsch regiert autoritär. Pressefreiheit und Menschenrechte sind Unbekannte im Land am Schwarzen Meer. Damit die Stadtbilder der ukrainischen Städte sauber und ordentlich wirken, werden streuende Hunde und Katzen getötet. Die politischen Bedingungen in der Ukraine mindern die Vorfreude auf die EM. Ein Sommermärchen in einem Land, in dem Oppositionelle verhaftet werden, ist nicht vorstellbar.
Die EM ist nicht mehr nur eine Sportveranstaltung, sondern ein Politikum. Bundespräsident Gauck hat seinen Besuch in der Ukraine abgesagt. Eine öffentliche Debatte um einen möglichen EM-Boykott ist entbrannt. Natürlich haben schon sportliche Großereignisse in autoritären Staaten stattgefunden. Die vergangene Olympiade in China ist das prominenteste Beispiel. Die teilweise unkritische Begleitung der Olympischen Spiele in China kann einen gleichgültigen Umgang mit der Ukraine nicht rechtfertigen. Die Ukraine ist Mitglied des Europarats und hat die europäische Menschenrechtskonvention anerkannt. Dieser ist sie weiterhin verpflichtet!
Ein sportlicher Boykott, wie es ihn bei den olympischen Spielen 1980 in Moskau von rund 61 Staaten als Reaktion auf den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan gegeben hat, wäre eine unangemessene Reaktion. Ebenso unangemessen wäre es aber, wenn politische Vertreterinnen und Vertreter Deutschlands nun neben Viktor Janukowitsch auf der Tribüne Platz nehmen und die Spiele bejubeln würden. Merkel im Freudentaumel neben Janukowitsch? Ein unvorstellbares Bild, selbst wenn man der DFB-Elf die Daumen für die EM drückt.
Nicht nur Politikerinnen und Politiker aus Berlin haben Einladungen in die Ukraine erhalten, auch Hamburgerinnen und Hamburger hätten die Möglichkeit zur EM ans Schwarze Meer zu reisen. Die kleine Anfrage von uns mit dem Titel „EM in der Ukraine – Fußball zwischen Menschenrechtsverletzungen und Tiertötungen unter Beteiligung des Hamburger Senats“ ergab, dass zum Glück keine offiziellen Vertreterinnen und Vertreter Hamburgs bei der EM in der Ukraine jubeln werden.
Die Möglichkeit jetzt politischen Druck auf Janukowitsch auszuüben, muss genutzt werden. Die ersten Erfolge wurden bereits erreicht. Professor Dr. Lutz Harms, Oberarzt der neurologischen Klinik der Charité, soll Julia Timoschenko behandeln.
Natürlich steht auch die UEFA in der Pflicht. Die EM soll ein buntes, sportliches Festival bleiben. Aber die UEFA kann nicht die Augen vor den Verhältnissen in der Ukraine verschließen. Funktionäre, Sportler und Fans können gemeinsam gegen die Missstände eintreten. Die Unterstützung des Bundestrainers Löw für kritische Äußerungen seiner Spieler ist ein wichtiges Zeichen. Die UEFA-Verantwortlichen sollten sich daran ein Beispiel nehmen und es Löw gleichtun und sich öffentlich für die Einhaltung der Menschenrechte aussprechen.
Die Fußball-EM kann nur noch ein Erfolg werden, wenn Politikerinnen und Politiker, Funktionäre, Sportler und Fans gemeinsam deutlich machen, dass Menschenrechte in Europa Gültigkeit besitzen und eingefordert werden.
Durch ein gemeinsames Handeln könnte es gelingen, dass die politischen Verhältnisse verbessert werden und die Ukraine wieder näher an die Europäische Gemeinschaft rückt. Ein politischer Erfolg der EM wäre es, wenn die Verhältnisse der Ukraine sich verbessern würden, so dass die EU wieder mit der Ukraine über ein Assoziierungsabkommen sprechen könnte, anstatt über Sanktionen nachzudenken. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten, für den sportlichen Erfolg kann hoffentlich die DFB-Elf sorgen.

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