Was sind „starke“ Schüler*innen? Vom Unsinn der Gymnasialempfehlung

Stuhlreihen hintereinander angeordnet, Lehnen und Sitzflächen in unterschiedlichen Farben

Das Hamburger Abendblatt greift die Kritik der CDU auf und titelt „Stadtteilschulen fehlen starke Schüler“. Ist das so? Natürlich nicht. In der Welt der CDU sind „starke“ Schüler*innen diejenigen, die im Alter von nur 10 Jahren eine so genannte Gymnasialempfehlung erhalten. Diese gilt in der CDU-Welt als unumstößliche und alleinige Garantie dafür, später Abitur machen zu können – oder zu dürfen. Tatsächlich ist die Gymnasialempfehlung eine vollkommen subjektive Angelegenheit – was schon dadurch offensichtlich wird, dass sie an manchen Schulen munter und zahlreich ausgestellt wird, während andere Grundschulen offenbar nicht eine vermeintlich starke“ Schülerin oder einen „starken“ Schüler hervorzubringen vermögen – nach CDU-Lesart also: mit Gymnasialempfehlung. Dass Kinder im Laufe ihres Schullebens Entwicklungen durchmachen, deren Ausgang nicht immer vorhersehbar ist, ist für die CDU im System Schule nicht vorgesehen. Am Ende der Klasse 4 wird also nur auf dem Papier entschieden, wie die „Karriere“ weiter verlaufen wird.

Es gibt leider noch keine genauen Zahlen darüber, wie viele Kinder ohne Gymnasialempfehlung später erfolgreich das Abitur ablegen. Aber: Es müssen viele sein, denn anders käme die recht hohe Zahl der Oberstufen und Abiturient*innen an Stadtteilschulen nicht zustande. Davon abgesehen: Ein erheblicher Anteil derjenigen, die ohne Gymnasialempfehlung trotzdem ein Gymnasium besuchten, schließt es mit dem Abitur ab. Ein Schulleiter spricht von circa 70 Prozent. Was sagt das aus? Da muss man nicht einmal all die wissenschaftlichen Erkenntnisse anführen, um die Aussagefähigkeit dieser Empfehlung in Klasse 4 zu bezweifeln. Das Problem der Stadtteilschule liegt also nicht in einem vermeintlichen Mangel einer starken Schülerschaft, denn selbstverständlich werden hier auch besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler angemessen gefördert. Auch hier machen Jugendliche das Abitur – und zwar seit Einführung des Zentralabiturs das gleiche wie Gymnasiast*innen.

Warum aber melden vermeintlich bildungsnahe Eltern ihr Kind lieber am Gymnasium an als an der Stadtteilschule? Das wiederum ist ein Erfolg der CDU und der FDP: Seitdem es die Stadtteilschule gibt, tun beide Parteien alles dafür, sie als die neue Haupt- und Realschule zu deklarieren. Nur das Gymnasium bereite auf das „echte“ Abitur vor, die Zunahme an Abiturient*innen führe zum „Qualitätsverlust“ – so der Tenor. Hinzu kommen natürlich viele gesamtgesellschaftliche Herausforderungen, die alleine die Stadtteile zu schultern hat: Inklusion, die steigende Zahl an Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (die nicht identisch ist mit Inklusion) und die Beschulung von Flüchtlingen. Aus all diesen Aufgaben halten sich die Gymnasien größtenteils heraus. 

Zur Wahrheit gehört aber: Auch Schüler*innen an Gymnasien täte mehr pädagogische Förderung gut, anstatt die reine Ausrichtung auf eine akademische Karriere. Denn während die meisten Stadtteilschulen ihr Augenmerk hauptsächlich auf eine spätere duale Ausbildung legen, bieten die Gymnasien Studienorientierung an. Das muss anders werden: Mehr Studienorientierung täte den Stadtteilschulen gut, mehr Berufsorientierung den Gymnasien. Die Mär vom homogenen, ausschließlich leistungsorientierten Gymnasium, im Gegensatz zur problembeladen Stadtteilschule, beruhigt zwar bildungsbürgerliche Gemüter, hat aber mit der Realität nicht viel zu tun. 

Die Stärken der Stadtteilschulen müssen wieder in den Vordergrund der Diskussion gerückt werden. Wir müssen für den Umgang mit Vielfalt werben und einen weiteren, wichtigen Vorteil hervorheben: 13 Jahre bis zum Abitur! Mehr Zeit zum Lernen und damit für außerschulisches Leben.

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