Der Rabensenator

Handgemalter weißer Rabe auf schwarzer Wand mit grüngemalter Rasenfläche

Gestern wurde in der Bürgerschaft der Antrag auf Evaluation der Schulversuche zum längeren gemeinsamen Lernen debattiert. Traurig genug, dass die Opposition beantragen muss, geltendes Gesetz umzusetzen. Denn im § 10 des Hamburgischen Schulgesetzes ist vorgeschrieben, dass jeder Schulversuch wissenschaftlich begleitet werden muss und diese Ergebnisse zu veröffentlichen sind. Ist ja auch sinnvoll: Muss denn nicht jeder Versuch irgendwann überprüft werden? Der Interpretationsspielraum des Worts „Begleitung“ scheint mir dabei gering. Was, wenn nicht „zeitgleich“, sollte wohl gemeint sein? Gehe ich später los, wenn ich einen Menschen bei einem Spaziergang „begleite“?

Gestern aber geschah etwas, was die Überheblichkeit dieser SPD besser nicht demonstrierten hätte können: Der Antrag zur Evaluation wurde von ihr abgelehnt. Alle anderen Fraktionen – selbst FDP und CDU – stimmten dafür. Die Begründung: Man arbeite ohnehin schon daran, da brauche es nicht noch einen zusätzlichen Antrag. Nun muss man wissen, dass in dem Antrag ein Datum festgelegt war, nämlich der 30. November 2011. Angesichts der Tatsache, dass die Schulversuche im Dezember 2010 genehmigt worden waren, die Behörde unverzüglich mit der Arbeit am Evaluationsdesign begann, der Senator im März 2011 seine Arbeit aufnahm und die Schülerinnen und Schüler bereits seit August in den Schulen sind, scheint dieses Zeitfenster nicht zu ambitioniert. Aber selbst das ist wohl zu schnell. Rabe missachtet also wissentlich das Schulgesetz – mit dem  Rückenwind seiner Fraktion und des Bürgermeisters.

Hinter dieser Ablehnung steckt aber noch mehr: Senator Rabe interessiert es nicht, wie die Probleme der Hamburger Schulen in den Griff zu kriegen sind. Umsetzung der Inklusion, Integration von künftig 50 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund, Ausgleich der massiven Defizite einzelner Kinder, eklatante Chancenungerechtigkeit, misslungene Übergänge von der Grundschule in die weiterführende Schule – um nur einige zu nennen. Schulversuche wären hier als Entwicklungsabteilung geeignet, um eben jene Probleme zu lösen. Senator Rabe aber stülpt den Deckel auf den Topf, in dem die wirkliche Schulentwicklung stattfindet. Weil dadurch aber die Probleme nicht gelöst werden, wird ihm der Deckel früher oder später um die Ohren fliegen. Mehr als warnen können wir da nicht. Und der Kessel brodelt.

Kommentare

Gespeichert von Robert Schneider (nicht überprüft) am 29.09.2011 - 03:24

Ich denke, da steckt System dahinter.

Herr Rabe hat seine Position nie klar gegen WWL und deren Ablehnung gegen alles Neue abgegrenzt. Es kommt nicht von ungefährt, dass er auch den Spitznamen "Scheuerls Schoßhund" bekam.

Es ist ganz offensichtlich, dass er das längere gemeinsame Lernen genauso abgrundtief ablehnt, wie sein Herrchen.

Man stelle sich also vor, die Versuchsschulen würden mit wissenschaftlich nachgewiesenen besseren Ergebnissen aufwarten, als die überkommenen Schulen.

Dann wäre Rabe in der Situation, erklären zu müssen, warum er eine nachgewiesenermaßen bessere Struktur ablehnt.

Um nicht in diese Situation zu kommen, wird er alles tun, um die Evaluation zu verhindern, verzögern, verwässern.

Es bleibt das Fazit: mit diesem Senator ist unsere Schule auf dem geradlinigen Weg zurück in's Mittelalter.

Gespeichert von Gast (nicht überprüft) am 30.09.2011 - 09:43

Es ist wichtig, die Schulversuche zu evaluieren und das muss auch bald geschehen. Sicher ist es schade, dass noch kein beurteilbares Evaluationskonzept vorliegt. Doch muss man auch über unterschiedliche Verfahren der Evaluation aufklären. Im Sinne einer wissenschaftlichen Begleitung ist auch die prozessbegleitende Evaluation sinnvoll, doch nicht unbedingt die einzige Möglichkeit. Eine reine ex-post-facto-Analyse scheint auch nicht der richtige Ansatz. Doch in diesem Kontinuum existieren viele Formen der Evaluation und Begleitung. Und da nicht alles, was hinkt, auch ein Vergleich ist: Begleitung muss nicht zeitgleich losgehen. Oder spielen im Konzert auch alle Musiker von Anfang an und gleichzeitig? Ja, sie sollten rechtzeitig vor ihrem Einsatz am Platz sein und vielleicht auch das gespielte Stück kennen. Und dass auch FDP und CDU zugestimmt haben, ist nicht unbedingt eine Adelung des Antrags, der sich halt nur durch die zusätzliche Setzung einer Frist auszeichnete.

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